Ratsuchende auf dem Rathaus

23.02.22 von Ingrid Grischtschenko

Man muss nicht oft aufs Rathaus. Schon gar nicht, wenn man einen Pass hat, eine Wohnung hat und das Geld reicht für die Kinderbetreuung, das Mittagessen, für den Schwimmkurs und für das Waldheim im Sommer.  All jene, die das nicht haben, sitzen im Flur des Rathauses Leinfelden oder im Neuen Markt und warten auf ihren Termin beim Amt für Soziale Dienste. Die Ratsuchenden kommen von den Vorhöfen der Demokratie zu Ansprechpartner*innen, die vieles wissen, und, wenn sie etwas nicht wissen, nachschauen können, wer das wissen könnte. Hier werden Verbindungen hergestellt, hier wird erklärt und hier wird den Leuten geholfen.

Verwaltung auf viele Standorte verteilt

Der Neubau der Stadtwerke in Leinfelden, an der Kurve der Nord-Süd-Straße, beherbergt Teile des Bürger- und Ordnungsamtes. In mehr als einem Dutzend anderer Standorte in der Stadt sind Verwaltungsstellen und Ämter untergebracht. Auch in Echterdingen hat man auf der Straßenseite beim Restaurant Ratsstuben für die Finanzverwaltung die Räumlichkeiten des aufgegebenen Notariats angemietet. Die Grünen stellen nicht in Abrede, dass der erst 50 Jahre alte Anbau am 500 Jahre alten Rathaus energetisch überholt ist und im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß wird. Die Freistellung des alten Rathauses, der Abbruch des Übergangs in das neue und der Abbruch des gesamten Anbaus wurde schon in mancher Bürgerwerkstatt überlegt.

Wir lassen die Kirche im Dorf und wir lassen das Rathaus im Dorf

Auch der Gemeinderat liebäugelt mit einer Bündelung der Verwaltung an einem neuen Standort auf dem frei geräumten Gleisfeld in Leinfelden. Für uns Grüne ist wichtiger, was an den alten Standorten bleiben kann. Der Straßenraum der Bernhäuser Straße öffnet sich trompetenförmig zum Ensemble Rathaus, Kirche, Altes Schulhaus („Paulaner“) und ist im besten Sinn Ortsmitte: Sozialer Treffpunkt im öffentlichen Raum. Wir wollen nicht nur die Kirche im Dorf lassen, sondern das Rathaus ebenfalls. Die Funktionen können auch hier gebündelt sein in einem Bürgeramt. Aber die Anlaufstelle braucht es und schließlich macht sich hier auch die Demokratie fest. Die Meinungsbildung in öffentlichen Ausschuss-und Gemeinderatssitzungen kann hier im Sitzungssaal verfolgt werden.

Vielleicht steht das neue Rathaus schon

Seit Corona tagt der Gemeinderat in der Filderhalle mit genügend Abstand und manchmal virtuell, aber öffentlich. Der Platzbedarf der Verwaltung wird dennoch nicht zurückgehen, auch wenn manche MitarbeiterInnen im Homeoffice arbeiten können. Was ist aber, wenn die Firmen, die gerade noch Büroflächen in der Stadt gebaut haben, oder ältere Büros haben, die leer stehen, diese vermieten oder verkaufen wollen? Vielleicht steht unser neues Rathaus schon irgendwo in der Stadt und wir müssen es gar nicht neu bauen? Einen neuen Verwaltungsbau sollten wir uns erst überlegen, wenn unsere Schulen baulich und digital und personell auf einem auskömmlichen Stand sind. Die Schulen sind zuerst dran!

Kategorie

gesellschaftlicher Zusammenhalt Rathaus Stadtplanung Stadtverwaltung